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Botulinumtoxin in der Neurologie

Wirkweise, Einsatzgebiete und Behandlungsmöglichkeiten

Botulinumtoxin Typ A ist ein Eiweißstoff, der aus dem Bakterium Clostridium botulinum gewonnen beziehungsweise biotechnologisch hergestellt wird. Es handelt sich um ein stark wirksames Nervengift, das in sehr kleinen, medizinisch kontrollierten Dosen gezielt eingesetzt wird. Bekannt ist Botulinumtoxin vor allem unter verschiedenen Handelsnamen wie Botox®, Dysport® oder Xeomin®.

Botulinumtoxin A ist ein hochwirksamer Arzneistoff, der in sehr kleinen Dosen gezielt eingesetzt wird. Durch die vorübergehende Hemmung der Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel kann eine übermäßige Muskelaktivität reduziert werden. Je nach Erkrankung kann Botulinumtoxin außerdem die Freisetzung von Botenstoffen beeinflussen, die an der Schmerzvermittlung beteiligt sind.

Die Behandlung ist für zahlreiche neurologische, urologische und andere Erkrankungen etabliert. Da Wirkung und Nebenwirkungen stark von Dosierung, Injektionsort und Erkrankung abhängen, sollte die Therapie nur von entsprechend geschulten Ärztinnen und Ärzten durchgeführt werden.

Wie wirkt Botulinumtoxin A?

Botulinumtoxin A wirkt an den Nervenendigungen. Dort verhindert es vorübergehend die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin. Dieser Botenstoff ist unter anderem für die Übertragung von Nervensignalen auf Muskeln verantwortlich.

Wird die Freisetzung von Acetylcholin gehemmt, kann sich der betreffende Muskel weniger stark zusammenziehen. Dadurch lassen sich unwillkürliche Muskelverkrampfungen und eine übermäßige Muskelaktivität reduzieren.

Die Wirkung ist jedoch nicht dauerhaft. Die Nervenendigungen können sich im Laufe der Zeit wieder regenerieren beziehungsweise neue Verbindungen bilden. Deshalb hält die Wirkung je nach Anwendungsgebiet in der Regel einige Wochen, manchmal auch einige Monate an und die Behandlung muss gegebenenfalls wiederholt werden.

Botulinumtoxin kann außerdem auf bestimmte sensible Nervenendigungen wirken und dadurch die Freisetzung von Botenstoffen beeinflussen, die an der Schmerzvermittlung beteiligt sind. Dieser Mechanismus spielt beispielsweise bei der Behandlung der chronischen Migräne eine Rolle.

Wozu wird Botulinumtoxin eingesetzt?

Botulinumtoxin wird in vielen medizinischen Bereichen eingesetzt. In der Neurologie gehören dazu unter anderem:

  • Blepharospasmus – unwillkürliche Verkrampfungen der Augenmuskulatur
  • Hemifazialer Spasmus – einseitige unwillkürliche Gesichtszuckungen
  • Dystonien, beispielsweise zervikale Dystonie
  • Spastik, unter anderem nach einem Schlaganfall
  • Chronische Migräne
  • Axilläre Hyperhidrose – übermäßiges Schwitzen im Bereich der Achselhöhlen

Darüber hinaus wird Botulinumtoxin auch in der Urologie zur Behandlung von bestimmten Störungen der Blasenfunktion, aber auch in der ästhetischen Medizin, beispielsweise zur vorübergehenden Reduktion bestimmter mimischer Falten, eingesetzt.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Botulinumtoxin wird in der Regel gut vertragen. Die möglichen Nebenwirkungen hängen stark davon ab, wo und in welcher Dosierung der Wirkstoff injiziert wird.

Häufig sind lokale Beschwerden wie Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Rötungen oder kleine Blutergüsse an den Einstichstellen. Durch die gewünschte Abschwächung eines Muskels kann es außerdem zu einer vorübergehenden Muskelschwäche kommen.

Je nach Behandlungsgebiet können auch andere Nebenwirkungen auftreten. Bei Injektionen im Bereich der Augen kann beispielsweise vorübergehend ein hängendes Augenlid (Ptosis) oder eine Beeinträchtigung der Augenmuskulatur auftreten. Bei Behandlungen im Halsbereich können in seltenen Fällen Schluck- oder Sprechbeschwerden entstehen.

Sehr selten kann sich die Wirkung über den ursprünglich behandelten Bereich hinaus ausbreiten und zu Muskelschwäche oder anderen Beschwerden führen. Schwere Nebenwirkungen sind selten, sollten aber ärztlich abgeklärt werden.

Einsatzgebiete

Zervikale Dystonie

Die zervikale Dystonie ist eine neurologische Bewegungsstörung, bei der sich die Hals- und Nackenmuskulatur unwillkürlich und anhaltend oder wiederholt zusammenzieht. Dadurch kommt es zu Fehlhaltungen und unkontrollierten Bewegungen des Kopfes und Halses. Eine häufige Form ist der „Torticollis spasmodicus", bei dem sich der Kopf beispielsweise zur Seite dreht oder nach vorne oder nach hinten neigt. Die Erkrankung kann mit Schmerzen, Muskelverspannungen und einer deutlichen Einschränkung der Beweglichkeit verbunden sein.

Dystonien werden ursächlich auf eine Funktionsstörung tief im Gehirn liegender Areale, die für die Steuerung und Koordination von Bewegungsabläufen zuständig sind – den Basalganglien – zurückgeführt. Die genauen Ursachen der zervikalen Dystonie sind aber noch nicht vollständig geklärt. Neben genetischen Faktoren können auch Schädel-Hirn-Verletzungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente zur Entwicklung einer Dystonie führen.

Zur Behandlung kann Botulinumtoxin, das gezielt in die überaktiven Muskeln gespritzt wird, eingesetzt werden. Ziel der Therapie ist es, Fehlstellungen, Schmerzen und unkontrollierte Bewegungen zu vermindern und dadurch die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Botulinumtoxin hemmt dort die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel und reduziert dadurch die unwillkürlichen Muskelkontraktionen. Die Wirkung setzt meist innerhalb weniger Tage ein und hält in der Regel mehrere Wochen an. Anschließend erfolgt eine neue Behandlung.

Blepharospasmus

Der Blepharospasmus ist eine neurologische Bewegungsstörung, bei der es zu unwillkürlichen und wiederkehrenden Verkrampfungen der Augenmuskulatur kommt. Er gehört zu den sogenannten Dystonien. Betroffene müssen dadurch häufig unwillkürlich blinzeln oder kneifen die Augen für kurze oder längere Zeit zusammen. Die Beschwerden können im Laufe der Zeit stärker werden und den Alltag, beispielsweise beim Lesen oder Autofahren, beeinträchtigen.

Die genauen Ursachen des Blepharospasmus sind noch nicht vollständig geklärt. Beim primäreren (idiopathischen) Blepharospasmus lässt sich in den meisten Fällen keine eindeutige Ursache feststellen. Vermutlich spielen Veränderungen in den Netzwerken des Gehirns die Bewegungen steuern eine Rolle. Auch eine genetische Veranlagung ist möglich. Die sekundären Formen können durch andere Erkrankungen, Schädigung bestimmter Regionen des Gehirns oder durch Medikamente bedingt sein.

Der Blepharospasmus ist zwar nicht heilbar, seine Beschwerden lassen sich jedoch häufig gut durch die Anwendung von Botulinumtoxin behandeln.

Dabei wird das Botulinumtoxin in kleinen Mengen mit einer sehr dünnen Nadel gezielt in die betroffenen Muskeln rund um die Augen gespritzt. Es hemmt dort vorübergehend die Übertragung von Nervensignalen auf die Muskulatur. Dadurch entspannen sich die überaktiven Muskeln, und die unwillkürlichen Lidkrämpfe nehmen meist deutlich ab.

Meige-Syndrom

Das Meige-Syndrom gehört ebenfalls zu den Dystonien. Typisch ist eine Kombination aus unwillkürlichen Verkrampfungen der Muskeln rund um die Augen (Blepharospsmus) und unwillkürlichen Bewegungen der unteren Gesichtshälfte. Die Betroffenen können beispielsweise häufig und kräftig blinzeln, die Augen zusammenkneifen oder unwillkürlich den Mund verziehen. Die Beschwerden können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und sich im Laufe der Zeit verändern.

Auch die genauen Ursachen des Meige-Syndroms sind bislang nicht vollständig geklärt. Vermutet wird wie bei den Dystonien generell eine Fehlregulation bestimmter Bereiche und Netzwerke im Gehirn, die an der Steuerung von Bewegungen beteiligt sind. Eine genetische Veranlagung kann auch bei diesem Krankheitsbild eine Rolle spielen. Meist lässt sich jedoch keine einzelne Ursache feststellen.

Stress, Müdigkeit, helles Licht oder bestimmte Situationen können die Beschwerden verstärken. Diese Faktoren gelten jedoch eher als Auslöser beziehungsweise Verstärker und nicht als eigentliche Ursache des Meige-Syndroms.

Das Meige-Syndrom ist in der Regel nicht heilbar, die Beschwerden können jedoch durch eine individuell abgestimmte Behandlung häufig deutlich gelindert werden.

Eine der wichtigsten Behandlungsmöglichkeiten ist Botulinumtoxin. Welches in kleinen Mengen gezielt mit einer sehr dünnen Injektionsnadel in die überaktiven Muskeln gespritzt. Die unwillkürlichen Bewegungen und Verkrampfungen lassen sich so meist deutlich unterdrücken.

Spasmus hemifacialis

Der Spasmus hemifacialis ist eine neurologische Bewegungsstörung, bei der es zu unwillkürlichen, einseitigen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur kommt. Häufig beginnt die Erkrankung mit einem unwillkürlichen Zucken des Augenlids. Im weiteren Verlauf können auch andere Muskeln einer Gesichtshälfte betroffen sein, zum Beispiel die Muskeln um Mund und an der Wange. Die Krämpfe können unterschiedlich häufig und stark auftreten.

Eine häufige Ursache des Spasmus hemifacialis ist eine Reizung oder Kompression des Gesichtsnervs (Nervus facialis) durch ein Blutgefäß im Bereich seines Austritts aus dem Hirnstamm. Durch den Kontakt mit dem Gefäß kann der Nerv übermäßig erregbar werden und unwillkürliche Muskelkontraktionen auslösen. Seltener können andere Veränderungen, beispielsweise Tumoren oder Gefäßveränderungen, den Gesichtsnerv reizen. Oft lässt sich keine eindeutige Ursache feststellen.

Eine häufig eingesetzte Behandlung ist die Injektion von Botulinumtoxin. Dabei wird das Medikament in kleinen Mengen gezielt mit einer sehr dünnen Nadel in die betroffenen Gesichtsmuskeln gespritzt. . Die unwillkürlichen Bewegungen und Verkrampfungen lassen sich so meist deutlich unterdrücken.

Spastik

Eine Spastik ist eine Störung der Muskelspannung, bei der bestimmte Muskeln dauerhaft oder zeitweise zu stark angespannt sind. Die Ursache liegt meist in einer Schädigung des zentralen Nervensystems. Die normale Steuerung der Muskulatur wird dadurch beeinträchtigt, die Muskeln können dadurch steif und schwer beweglich werden. Bewegungen sind häufig stark eingeschränkt und können mit Schmerzen oder Fehlstellungen verbunden sein.

Eine häufige Ursache für eine Spastik ist ein Schlaganfall. Durch die Schädigung bestimmter Bereiche des Gehirns können die Nervenbahnen, die normalerweise die Muskelbewegungen kontrollieren, beeinträchtigt werden. Eine Spastik kann sich unmittelbar nach einem Schlaganfall oder auch erst Wochen oder Monate später entwickeln

Die Behandlung einer Spastik richtet sich nach ihrer Ausprägung und den individuellen Beschwerden. Ein wichtiger Bestandteil ist die Physio- und Ergotherapie, durch die Beweglichkeit, Kraft und Alltagsfunktionen erhalten oder verbessert werden sollen.

Bei einer umschriebenen Spastik kann außerdem Botulinumtoxin eingesetzt werden. Welches gezielt in die überaktiven Muskeln gespritzt wird, was vorübergehend (einige Wochen) zu einer Verringerung der Muskelspannung führt.

Axilläre Hyperhidrose

Die axilläre Hyperhidrose bezeichnet eine krankhaft verstärkte Schweißproduktion im Bereich der Achselhöhlen. Betroffene schwitzen dort deutlich stärker, als es zur Regulierung der Körpertemperatur notwendig wäre. Das Schwitzen kann unabhängig von Wärme oder körperlicher Anstrengung auftreten und zu erheblichen Einschränkungen im Alltag führen.

Die axilläre Hyperhidrose kann unterschiedliche Ursachen haben. Bei der sogenannten primären Hyperhidrose liegt meist keine erkennbare Grunderkrankung vor. Vermutet wird eine Überaktivität des sympathischen Nervensystems, wodurch die Schweißdrüsen übermäßig angeregt werden. Die Beschwerden beginnen häufig bereits im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter.

Eine sekundäre Hyperhidrose kann dagegen durch eine andere Erkrankung oder bestimmte Medikamente ausgelöst werden. Mögliche Ursachen sind beispielsweise hormonelle Veränderungen, Stoffwechselerkrankungen oder neurologische Erkrankungen. Bei neu aufgetretenem oder ungewöhnlich starkem Schwitzen sollte deshalb eine ärztliche Abklärung erfolgen.

Eine wirksame Behandlungsmöglichkeit der axillären Hyperhidrose ist die gezielte Injektion von Botulinumtoxin mit einer sehr dünnen Kanüle in kleinen Mengen in die Haut der Achselhöhlen.

Dadurch wird vorübergehend die Übertragung von Nervensignale auf die Schweißdrüsen reduziert, was zu einer deutlichen Reduktion der Schweißproduktion im behandelten Bereich führt. Die Wirkung hält i. d. R. mehrere Wochen, teilweise auch mehrere Monate an.

Chronische Migräne

 

Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Typisch sind meist einseitige, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen, die durch körperliche Aktivität verstärkt werden können. Begleitend können Übelkeit, Erbrechen sowie eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen auftreten. Bei manchen Betroffenen kommt es vor den Kopfschmerzen zu einer sogenannten Aura, beispielsweise mit Sehstörungen oder Kribbelgefühlen.

Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen auftreten und die Kopfschmerzen an mindestens acht Tagen die Merkmale einer Migräne aufweisen oder auf eine spezifische Migränebehandlung ansprechen.

Die genaue Ursache der Migräne ist noch nicht vollständig geklärt. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, bei der eine erhöhte Empfindlichkeit bestimmter Nervennetzwerke eine wichtige Rolle spielt. Dabei sind unter anderem der Trigeminusnerv und Botenstoffe wie das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) beteiligt.

Eine genetische Veranlagung kann das Auftreten einer Migräne begünstigen. Zusätzlich können verschiedene Faktoren Migräneattacken auslösen oder verstärken. Dazu gehören beispielsweise Stress, Schlafmangel oder Veränderungen des Schlafrhythmus, hormonelle Schwankungen, bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol oder starke Sinnesreize. Die individuellen Auslöser unterscheiden sich von Person zu Person.

Die Behandlung der chronischen Migräne besteht aus der Akutbehandlung einzelner Attacken und einer prophylaktischen Behandlung, die die Häufigkeit und Stärke der Kopfschmerzen reduzieren soll.

Zur Akutbehandlung können je nach individueller Situation beispielsweise Triptane, bestimmte Schmerzmittel oder andere spezifische Migränemedikamente eingesetzt werden. Bei chronischer Migräne ist neben der Akuttherapie mit einfachen Analgetika, nichtsteroidalen Antirheumatika und Medikamenten aus den Wirkstoffgruppen der „Triptane" und/oder „Gepante" insbesondere eine vorbeugende Behandlung wichtig.

Neben der Anwendung bestimmter Medikamente wie z. B. Betablocker, Topiramat, Flunarizin, Amitriptylin, monoklonale Antikörper gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor oder CGRP-Rezeptor-Blocker (Gepante) bietet das Botulinumtoxin eine besondere Behandlungsmöglichkeit bei chronischer (nicht episodischer!) Migräne, wenn klassische vorbeugende Behandlungen nicht wirksam sind.

Das Botulinumtoxin wird an mehreren festgelegten Stellen im Bereich von Stirn, Schläfen, Hinterkopf und bestimmten Regionen des Nackens injiziert. Die Behandlung wird in der Regel regelmäßig in Abständen von drei Monaten wiederholt.